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Großbritannien kämpft mit ernsthafter Lebensmittelknappheit. In Restaurants und Supermärkten fehlt es am Nötigsten. Grund ist eine fatale Mischung aus Pandemiefolgen, Personalnöten, Lieferproblemen und Brexit-Konsequenzen. Experten erwarten, dass sich die Lage verschlimmert.

Den Appetit auf einen Milkshake können Briten in diesen Tagen nicht bei McDonald’s stillen, egal ob mit Erdbeer-, Vanille- oder Schokoladengeschmack. Der Fast-Food-Riese musste die Milch-Mix-Getränke und eine Auswahl weiterer Produkte wegen Lieferschwierigkeiten aus dem Programm nehmen.

Die Restaurantkette Nando’s, bekannt für ihre Hühnchengerichte, musste vergangene Woche 45 ihrer 450 Niederlassungen schließen, nachdem der Nachschub an Hühnerfleisch stockte. Auch die Bäckereikette Greggs warnt ihre Kunden, dass wegen Problemen bei der Beschaffung von Zutaten Produkte immer wieder für ein paar Tage fehlen werden.

Auf den ersten Blick überschaubare Unannehmlichkeiten, doch sie dauern seit Wochen an. Einer Supermarktkette fehlt zeitweise abgefülltes Wasser, einer anderen Teile des Fleischsortiments, Restaurants verkürzen die Öffnungszeiten, weil Lieferungen nicht ankommen.

Entspannung zeichne sich nicht ab, warnen Branchenvertreter. Sogar das Weihnachtsgeschäft sei ernsthaft in Gefahr, sagt Richard Walker, Geschäftsführer des Tiefkühlhändlers Iceland. „Weihnachten steht vor der Tür und im Handel beginnen wir eigentlich ab September mit dem Lageraufbau für diese unglaublich wichtige Zeit.“

Aktuell sei daran nicht zu denken, jeden Tag fallen 30 bis 40 Lieferungen aus, die für den direkten Verkauf gedacht sind, weil Lkw-Fahrer fehlen. Brot war zeitweise knapp, und zuletzt wurde nur die Hälfte der Softdrinks geliefert. „Wir warnen jetzt, weil Weihnachten schon im vergangenen Jahr in letzter Minute gestrichen wurde, und es wäre schrecklich, wenn es auch dieses Fest problematisch wird.“

Auch John Allan, Verwaltungsratschef beim größten Lebensmittelhändler Tesco, warnte vor Knappheiten im Weihnachtssortiment, weil es an Kapazität fehle, um Lager aufzubauen. Längst nicht nur im Lebensmittelhandel klaffen erhebliche Lücken in den Lagerhäusern.

Nicht nur auf der Insel gibt es Probleme

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Laut Daten des Industrieverbandes Confederation of British Industry (CBI) ist der Lagerbestand des produzierenden Gewerbes auf den mit Abstand niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung Mitte der 1970er-Jahre gefallen.

Konjunkturumfragen weisen in zahlreichen Ländern auf Probleme mit Lieferungen und Nachschub hin, nicht zuletzt in Deutschland. Zum einen beeinträchtigt die Pandemie weiter den Nachschub. Geschlossene Häfen in China, reduzierte Produktion in Südostasien, knappes Material für Elektronik-Komponenten zeigen weltweit Auswirkungen.

Zum andern klagen auch in Deutschland Betriebe, dass sie Arbeitsplätze nicht besetzen können, weil es an Bewerbern fehlt. Verstärkt wird dieser Effekt in einzelnen Branchen noch dadurch, dass sich Menschen während der Lockdowns neu orientiert haben und jetzt in neuen Berufen tätig sind.

Doch in Großbritannien kommt eine weitere Komponente hinzu. „Jetzt, wo die Covid-Beschränkungen aufgehoben sind, sehen wir eine deutlichere Spiegelung der Auswirkungen des Brexit und von Problemen aus der Zeit vor der Pandemie“, sagte Andrew Sentance, früheres Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Bank of England, dem „Guardian“.

Vor allem die neuen Zuwanderungsregeln, die seit dem Austritt Großbritanniens aus der EU gelten, machen sich bemerkbar. Schätzungen gehen von mehr als einer Million EU-Bürgern aus, die das Land seit dem Ausbruch der Covid-Pandemie verlassen haben.

Inzwischen ist der Zuzug erheblich erschwert. Vor allem für gut Ausgebildete mit der Aussicht auf hohe Gehälter gibt es noch Möglichkeiten. Zusätzlich ist ein knappes Kontingent für ausgewählte Sektoren vorgesehen, in denen Arbeitskräfte fehlen.

Lkw-Fahrer, deren Fehlen für zahlreiche Lieferprobleme verantwortlich ist, zählen zum Missfallen von Richard Burnett, Geschäftsführer des Transportverbandes Road Haulage Association (RHA) nicht zu dieser Gruppe. Rund 100.000 Fahrer fehlen im Land, schätzt Burnett.

Strikte Zuwanderungsregeln und ein Pandemie-Problem

Ein Fünftel davon geht auf die Abwanderung von EU-Bürgern zurück, die ein lange schwelendes Problem noch deutlich verschärft hat. Seit Wochen macht sich die RHA dafür stark, zumindest übergangsweise Arbeitnehmer aus der EU ins Land zu lassen. „Wir brauchen rasch einen Pool an Arbeitskräften, weil wir nicht schnell genug ausbilden können, um die Lücke zu schließen“, so Burnett.

Neben den strikten Zuwanderungsregeln schlägt ein Pandemie-Problem zu: Monatelang waren Führerscheinprüfungen ausgefallen. Fürs Erste wurden nun die erlaubten Fahrzeiten für Lkw-Fahrer um eine Stunde ausgeweitet. Außerdem halten sich Fahrer der Streitkräfte bereit.

Doch die Personalengpässe gehen weit über den Transportsektor hinaus. Ganz besonders betroffen ist die Lebensmittelverarbeitung, ebenfalls ein Bereich, in dem Beschäftigte aus EU-Staaten traditionell eine wichtige Rolle gespielt haben.

Einer der größten Verarbeiter von Hühnerfleisch, 2 Sisters Food Group, hat vergangene Woche vor „chronischer“ Knappheit von Arbeitskräften gewarnt, die dazu führe, dass Lieferungen ausfallen müssen.

„Wir sind mit einer erheblichen Mangel an Produktionsarbeitern konfrontiert, die vom Innenministerium als gering qualifiziert klassifiziert werden, die aber eine unglaublich wichtige Rolle dabei spielen, Lebensmittellieferungen in Gang zu halten und das Land zu ernähren“, heißt es in einem Brief des Branchenverbandes British Poultry Council an Innenministerin Priti Patel.

Um zehn Prozent fallen die wöchentlichen Lieferungen derzeit hinter die Nachfrage zurück. Bis zu einem Fünftel der Truthähne könnten zu Weihnachten fehlen.

Brexit-Folgen lassen sich nicht rasch beheben

Derweil jammern Schweinezüchter, dass ein Überhang von 70.000 Tieren aufgelaufen sei, weil in den Schlachthöfen das Personal fehle. Aufwändiger zu schneidende Teile der Tiere kommen nicht mehr in den Handel. Nun drohen Schlachtungen ohne Weiterverarbeitung, weil auf den Höfen der Platz fehlt.

Von „großen, blitzenden Warnsignalen“, spricht James Withers, Geschäftsführer des schottischen Lebensmittelverbandes Scotland Food and Drink. 93 Prozent der Mitglieder haben aktuell Probleme, offene Stellen zu besetzen. 97 Prozent rechnen damit, dass sich die Situation weiter verschlimmert.

Gastgewerbe, Bauindustrie, Logistiker, Gesundheitsdienstleister, sie alle klagen über erhebliche Personalengpässe, die längst den Geschäftsbetrieb behindern. Immer mehr Unternehmen greifen zu Sonderzahlungen, um Angestellte zu locken. Bis zu 1000 Pfund (1167 Euro) bietet der Handelsriese Amazon bei Vertragsunterzeichnung. Bei British Gas können Ingenieure auf 3000 Pfund hoffen, Specsavers ist ein neuer Optiker sogar bis zu 10.000 Pfund wert.

Deutlich mehr als ein kurzes Strohfeuer sei das, urteilt Ökonom Sentance. „Die Situation könnte deutlich länger andauern, als viele erwarten. Der Mangel an Fachkräften könnte einige Jahre anhalten, die Auswirkungen des Brexit auf unsere Fähigkeit Arbeitsskräfte aus der EU anzulocken lässt sich nicht rasch beheben und die Aus- und Weiterbildung wurde durch die Pandemie erheblich beeinträchtigt.“

Gastgewerbe, Bauindustrie, Logistiker, Gesundheitsdienstleister, sie alle klagen über erhebliche Personalengpässe, die längst den Geschäftsbetrieb behindern. Immer mehr Unternehmen greifen zu Sonderzahlungen, um Angestellte zu locken. Bis zu 1000 Pfund (1167 Euro) bietet der Handelsriese Amazon bei Vertragsunterzeichnung. Bei British Gas können Ingenieure auf 3000 Pfund hoffen, Specsavers ist ein neuer Optiker sogar bis zu 10.000 Pfund wert.

Deutlich mehr als ein kurzes Strohfeuer sei das, urteilt Ökonom Sentance. „Die Situation könnte deutlich länger andauern, als viele erwarten. Der Mangel an Fachkräften könnte einige Jahre anhalten, die Auswirkungen des Brexit auf unsere Fähigkeit Arbeitsskräfte aus der EU anzulocken lässt sich nicht rasch beheben und die Aus- und Weiterbildung wurde durch die Pandemie erheblich beeinträchtigt.“

„Die große Unsicherheit ist, was mit den Warenpreisen passiert, angesichts der vielen Spannungen in den globalen Lieferketten, die eine Weile anhalten dürften“, sagt James Smith, Volkswirt bei ING. Das Weihnachtsgeschäft dürfte dafür viele hinweise liefern – wenn es denn rund läuft.

Quelle https://www.welt.de/wirtschaft/article233408733/Grossbritannien-Kein-Brot-Wasser-und-Fleisch-die-Nahrungsmittel-gehen-aus.html?wtrid=socialmedia.socialflow….socialflow_facebook&fbclid=IwAR1Zv4RGgni-LASJhVE6-UGmBVF_wCasbg37jVyRU3kkCajdGGT_oqrHak4


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